Hans Albrecht wurde 1952 in einer mittleren westdeutschen Stadt geboren, nicht weit von einer Bahnlinie entfernt. Die Züge gehörten früh zu seinem Alltag, weniger als Versprechen von Aufbruch denn als gleichmäßige Bewegung im Hintergrund. Er wuchs in einem Umfeld auf, in dem Wege wichtiger waren als Ziele und in dem man lernte, sich an Rhythmen zu orientieren: Fahrpläne, Schulwege, feste Zeiten.

Nach der Schule studierte er nicht, was er später einmal tun würde. Er begann zunächst eine Ausbildung, arbeitete einige Jahre in verschiedenen Angestelltenverhältnissen und wechselte mehrfach den Ort. Fotografie spielte lange keine Rolle. Erst in seinen späten Dreißigern begann er, eine Kamera mitzunehmen – zunächst aus praktischen Gründen, später aus Gewohnheit. Es ging ihm nicht um Bilder, sondern um das Festhalten eines Zustands.

Hans Albrecht arbeitet nicht projektorientiert. Seine Arbeit entsteht aus Wiederholung: ähnliche Wege, ähnliche Zeiten, ähnliche Situationen. Busfahrten, Haltestellen, Übergänge zwischen Stadt und Rand sind für ihn keine Motive, sondern Zustände. Er sucht sie nicht auf – er gerät in sie. Oft ist er länger unterwegs, ohne die Kamera überhaupt zu benutzen.

Er arbeitet langsam. Nicht aus Prinzip, sondern aus Aufmerksamkeit. Er bleibt stehen, wenn etwas vor ihm ist, und geht weiter, wenn nichts geschieht. Beides ist gleichwertig. Ein Bild entsteht nicht, weil es fehlt, sondern weil es sich anbietet. Häufig bleibt die Kamera unten. Das ist kein Verzicht, sondern Teil seiner Haltung.

Seine Motive sind unscheinbar: Wege, Bäume, Ränder von Orten, Übergänge, beiläufige Dinge. Nichts davon wird hervorgehoben. Nichts wird erklärt. Die Bilder behaupten keine Bedeutung, sie bestätigen lediglich, dass etwas vorhanden war. Schwarzweiß nutzt er nicht aus Nostalgie, sondern weil es dem inneren Zustand näher kommt, in dem er arbeitet: ruhig, reduziert, ohne Ablenkung.

Technik interessiert ihn nur insofern, als sie nicht stört. Er arbeitet mit wenigen Kameras, wenigen Einstellungen, festen Brennweiten. Objektive werden nicht gewechselt, Entscheidungen nicht unterwegs getroffen. Die Kamera soll vergessen werden können, damit das Gehen im Vordergrund bleibt.

Nach dem Unterwegssein schreibt Hans Albrecht. Seine Texte entstehen nicht parallel zu den Bildern, sondern danach. Sie sind Notizen, keine Erklärungen. Kurze Sätze, oft feststellend, manchmal beinahe protokollarisch. Beobachtung und innerer Zustand stehen nebeneinander, ohne sich zu kommentieren. Der Text begleitet das Bild, er führt es nicht.

Im Archiv der leisen Dinge nimmt Hans Albrecht eine grundlegende Rolle ein. Seine Arbeit bildet keinen Auftakt, sondern einen Boden. Sie zeigt, dass Sehen kein Ereignis sein muss, sondern ein Zustand. Dass Fotografieren auch bedeuten kann, nichts zu erzwingen und vieles stehen zu lassen.

Hans Albrecht lebt heute zurückgezogen, noch immer in der Nähe einer Buslinie. Er arbeitet nicht darauf hin, etwas abzuschließen. Seine Bilder und Texte sind weniger Ergebnisse als Spuren eines Weges, der sich immer wieder neu ergibt – und oft genau dort endet, wo er begonnen hat.

Alle Fotografen sind fiktive Personen diese künstlerischen Projektes.