Idee
Manchmal sehne ich mich nach der Ruhe des Bus- und Bahnfahrens, nach dieser Bewegung, die mich trägt, ohne dass ich etwas tun muss. Doch obwohl mir dieses Unterwegssein fehlt, mache ich es selten. Vielleicht, weil selbst Einfaches eine Entscheidung verlangt.
So entstand die Idee: zehn Minuten zur Haltestelle gehen, zehn Stationen fahren, zehn Minuten fotografieren – oder ein 10-mm-Objektiv nutzen – oder etwas ganz anderes. Die dritte „Zehn“ bleibt unbestimmt, wie vieles in meinem Leben. Und vielleicht ist gerade das notwendig. Eine kleine Struktur, die mir hilft, mich wieder auf das Sehen einzulassen.
Ich beschloss in Schwarzweiß fotografieren. Nicht aus Nostalgie, sondern weil es dem Traum und dem Gefühl näher kommt.
Was daraus wird, weiß ich nicht. Vielleicht nur ein paar Bilder und Gedanken. Doch schon jetzt spüre ich, dass dieses kleine Ritual mich näher zu mir bringt, als es die Strecke selbst je könnte.
Erst später, am 2. Januar 2026, hat sich diese einfache Idee geöffnet. Aus den Wegen und Notizen entstand das Archiv der leisen Dinge – ein Ort für Bilder und Texte, die unterwegs bleiben dürfen und keinen Anspruch auf Erklärung erheben.
In diesem Archiv traten nach und nach verschiedene Stimmen hervor. Nicht als erfundene Figuren im klassischen Sinn, sondern als logische Folgen unterschiedlicher Haltungen zum Sehen: bedingt durch verschiedene Kameras, unterschiedliche Arbeitsweisen, verschiedene Formen der Aufmerksamkeit. Zehn Fotografen wurden sichtbar, jeder mit einer eigenen Nähe zur Welt, jeder mit einem eigenen Maß an Abstand.
Mit dieser Erweiterung entstand auch die 10×10×10-Agentur als gemeinsamer Rahmen für diese Arbeiten. Sie ist weniger Organisation als Struktur, weniger Bühne als Träger.
In diesem Zusammenhang trat Josh hinzu. Nicht als Autor der Bilder, sondern als Gründer, Leitung und Hüter dieses Rahmens. Seine Rolle ist es, die Offenheit zu bewahren, in der die unterschiedlichen Stimmen nebeneinander bestehen können.
Die Projektidee blieb dabei unverändert. Sie wurde nicht größer. Nur weiter.
Gründung des lyrischen Kollektivs
21. März 2026
Mit der allmählichen Verdichtung des Archivs der leisen Dinge entstand neben den fotografischen Stimmen ein weiteres Bedürfnis:
eine Form der Sprache zu finden, die Bilder nicht erklärt, sondern ihnen im Sehen begegnet.
So bildete sich – ohne programmatischen Anspruch und ohne institutionelle Absicht – ein loses lyrisches Kollektiv.
Seine Mitglieder verstehen sich nicht als Kommentatoren der Arbeiten, sondern als aufmerksame Begleiter einzelner Bildbegegnungen. Ihre Texte sind kurz, gegenwärtig und offen gehalten. Sie versuchen, Wahrnehmung zu teilen, ohne sie festzulegen.
Fünf junge zeitgenössische Stimmen wurden in diesem Zusammenhang sichtbar:
Lía arbeitet mit körpernaher, fragmentarischer Beobachtung. Ihre Texte entstehen aus Nähe zu Oberfläche, Raum und Atem.
Noa schreibt in klaren, reduzierten Linien. Sie reagiert auf Licht, Bewegung und urbane Gegenwart, wobei Emotion nur als leise Temperatur erscheint.
Elio verbindet Orte mit Erinnerungsschichten. Seine Texte folgen Wegen, Übergängen und zeitlichen Verschiebungen in ruhiger Rhythmik.
Mira öffnet semantische Zwischenräume. Durch kleine Verschiebungen in der Sprache entstehen mehrdeutige, tastende Bedeutungsfelder.
Tomás arbeitet mit nüchterner, sachlicher Klarheit. Seine poetischen Notate vertrauen auf die stille Bildkraft des Sichtbaren.
Das Kollektiv bildet keinen festen Kreis und keine Schule.
Es ist vielmehr ein Resonanzraum innerhalb des Archivs – eine Möglichkeit, Bildern in einer anderen Form von Aufmerksamkeit zu begegnen.
Die fotografische Arbeit des Archivs bleibt davon unberührt.
Sie wird weder ergänzt noch erklärt.
Doch an einzelnen Stellen entsteht durch diese Stimmen ein zweiter, leiser Raum des Sehens.