8:48 Sonnenaufgang, 16:11 Sonnenuntergang. Der Tag zieht sich zusammen und lässt wenig Spielraum.
Auf dem Weg zur Bushaltestelle stehen wieder der Kran und die Laterne. Ich gehe an ihnen vorbei, die Kamera bereits in der Hand. Es wirkt, als setzten die beiden ein Gespräch fort, das gestern begonnen hat und heute ohne Eile weiterläuft. Ich höre nichts, aber ihre Nähe ist mir vertraut, als hätte ich sie erwartet.
Buslinie 313 stadteinwärts. Seit dem neuen Fahrplan gibt es eine Linie mit einet 3 am Ende. Eine kleine Verschiebung, die den Weg nicht verändert und ihn doch fremder erscheinen lässt. Ich steige ein, die Kamera auf dem Schoß, und frage mich, ob sich Bilder planen lassen oder ob sie nur entstehen, wenn man aufhört, danach zu suchen.
Am Hauptbahnhof steht die 440 abfahrbereit. Endstation Blexen, Fähre. Für einen Moment halte ich inne. Die Reise von letzter Woche liegt noch nah. Noch einmal über den Fluss, noch einmal dieses kurze Gefühl, woanders zu sein, ohne wirklich wegzugehen. Ich bleibe sitzen.
Zehnte Station: Schlossplatz. Der Weihnachtsmarkt ist geschlossen. Die Buden stehen da wie leere Sätze, die niemand mehr zu Ende spricht. Ich gehe weiter, zur Brücke, zu dem Baum mit dem orangenen Punkt, der sich gegen sein Ende stemmt. Ich bleibe stehen, suche nach einem Standpunkt, finde keinen guten, gehe weiter.
Am Ende der Brücke wende ich mich dem Hafen zu. Das Neubaugebiet wirkt wie ein Zitat aus einer anderen Stadt, ein kleines Stück Hamburger Hafencity, hierher verschoben. Lange konnte man diese Seite nicht betreten. Jetzt stehen dort Wohnungen. Ich hebe die Kamera, senke sie wieder.
Auf drei Pollern sitzen drei Möwen. Sie putzen sich, eine nach der anderen, und beobachten dabei die Umgebung, als hätten sie Zeit genug für alles. Ich bleibe stehen, halte die Kamera ruhig, warte. Nichts drängt sich auf. Vielleicht ist das schon genug.
Am Ende des Hafens stehen der Wasserturm und die alte Eisenbahnklappbrücke. Beide wirken, als gehörten sie zu einer anderen Ordnung der Zeit. Ich suche nach einer Linie zwischen ihnen, nach einer Beziehung. Im Sucher bleiben sie stumm, unbeweglich.
Um die Ecke steht ein altes Wohnmobil. Es wirkt wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit, als sei es gerade aus der Wüste hierhergerollt. Für einen Augenblick fühlt es sich nicht nach 2025 an, sondern eher nach 1984.
Ich nehme einen Bus Richtung Stadtwald. Im Bus drücke ich den Halteknopf – oder bilde es mir zumindest ein. Der Bus hält nicht. So lande ich an der Endhaltestelle, beim alten Kloster, ohne es geplant zu haben. Auch das ist Teil des Weges.
Der Weg in den Stadtwald ist versperrt. Eine neue Brücke wird gebaut, der Weg darunter gesperrt. Schilder stehen überall, so viele, dass sie sich gegenseitig anschreien. Jetzt, da ich diese aufschreibe, bedauere ich kein Bild davon gemacht zu haben.
Also gehe ich zurück. Am Feld entlang, dann am See entlang. Am See entdecke ich ein Spinnenwesen, wie ein Tänzer im Stillstand. Das Auge ist die Spinne selbst. Ich gehe näher heran, vorsichtig, als könnte ich sie mit einem Schritt vertreiben.
Der Nebel nimmt dem Ort seine Tiefe. Zwei Schafe liegen darin auf der Wiese, fast reglos. Sie harren aus, ohne Erwartung. Ich bleibe stehen und beobachte, warte auf etwas, das sich nicht verändern will. Irgendwann genügt mir dieser Zustand. Ich gehe weiter und nehme ihre Ruhe ein Stück mit.
An der nächsten Bushaltestelle verläuft ein Blindenleitstreifen. Gras und Eicheln liegen darüber. Eine verlassene Haltestelle, die dennoch weiterhin angefahren wird.
Dann zurück mit dem Bus. Mehr als zehn Haltestellen. Einmal umsteigen. Die Kamera liegt schwer in der Tasche. Und das Gefühl bleibt, dass ich viel gesucht habe, ein paar Bilder gefunden – und vielleicht genau das mitgenommen habe, was heute möglich war.






